Seit frühen Teenagerjahren ist es für mich absolut selbstverständlich, im Drogeriemarkt nach neuen Nagellackfarben Ausschau zu halten. Zwar habe ich mich inzwischen von dem lila-schwarz-gestreiftem Look verabschiedet (13 ist ein wildes Alter), aber noch immer sind bunte Nägel ein absoluter Mood-Booster für mich. Seit meiner Transition verändert sich jedoch diese Selbstverständlichkeit. Und auch die Leichtigkeit.

Stehe ich jetzt vor den bunten Fläschchen, versuche ich mich zu beeilen. Greife ich nach den neuen Glitzerfarben (sick!) passiert das als Letztes und flink. Zack, weiter. Nach außen wirke ich hoffentlich anders, nämlich entspannt, freundlich, als wäre es wirklich ganz normal, als Mann Nagellack kaufen zu gehen. Ich lächle den Menschen offen zu, die mich anschauen. Verstecke weder das Glitzer, noch mein Bart-Öl. Nach Außen bin ich selbstbewusst, normalisiere den Gender-Clash. Nach innen bin ich angespannt, meine Antennen sind sensibilisiert, mein Gehirn formuliert Antworten vor auf Kommentare, die ich mir ausmale.
Ich frage mich, ob sich das Nagellack kaufen für cis Feministen auch so anfühlt. Ich frage mich, ob wir Männer mit Nagellack™ ein bisschen zu sehr belächeln. Ich frage mich, ob Ich in meinen Situationen übertreibe. Ich frage mich, wo die Grenze ist zwischen begründeter Vorsicht und Angststörungs-gesteuerter Überkompensation. Und ich frage mich, ob der Apricot-Ton genug knallt, um gut mit dem pinken Lack zu funktionieren, oder ob es doch die Neon-Version braucht.
Es ist ja nicht so, als würde ich mein trans-Sein auf Teufel komm raus vor der Öffentlichkeit verbergen wollen. Immerhin schreibe ich seit Jahren recht offen darüber. Aber es macht einen Unterschied, ob ich selbst-bestimmt Bilder und Eindrücke meines Erlebens kuratiere, oder auf offener Straße (oder vielmehr: in einem kleinen Aufzug der öffentlichen Verkehrsmittel in einer sonst menschenleeren U-Bahn-Station) bedrohlich nah gemustert werde.
“Hä? Bist du ‘n Typ? Bist du ‘n Typ??”
An diesem Tag trug ich übrigens keinen Nagellack. Aber meine kinnlangen Haare offen. Und bunte Kleidung. Und ich habe auch gelächelt. Nach dieser Konversation übrigens nicht mehr.
In solchen Momenten wird mir mal wieder klar, dass ein männliches Passing* nicht gleich männliches Passing ist. Verschiedene Menschen bringen ihre eigenen Erwartungen an Männlichkeit mit und was es bedeute, ein echter Mann zu sein. Oder halt “ein Typ”. Das ist keine Überraschung, seit Jahren studiere und analysiere ich meine Mitmenschen und Umgebung. Wie ziehen sich Männer an? Wie reden sie? Über was reden sie? Wie bewegen sie sich? Die Antworten verändern sich mit den Jahren, mit den Städten, mit den Vierteln, Geschäften und Altersgruppen. Es ist nicht so, dass ich mich da 100% anpassen möchte. Deine Männlichkeit ist nicht unbedingt meine Männlichkeit. Und noch weniger die Vorstellung davon, wie Ich in dieser Welt agieren und Sein möchte. Aber manchmal habe ich nicht die Kraft dazu, Nagellack zu kaufen. Oder mit Nagellack Straßenbahn zu fahren. Ich will und kann nicht immer ständig angespannt und im Reaktionsmodus sein. Das frisst Kraft.
*von Anderen als männlich, als Mann, wahrgenommen werden
Beobachtungsprotokoll
Was es kostet, ein Mann zu sein:
- die langweilige Kleidung tragen (grau, schwarz, weiß)
- diese Kurzhaarfrisur haben (strenger Scheitel?)
- auf Nagellack, Schmuck, alles Schöne, verzichten
- Rucksack! Auch hier: schwarz, weiß, grau, keine Buttons o.Ä.
- Wenn Buttons: von coolen Bands. Genre die gehen: Metal, Rock, Hardcore, Techno. Genre die nicht gehen: Alles andere.
- beim Gehen die Hüfte steif halten
- neutraler Gesichtsausdruck, keine*n anlächeln
- Keine unnötigen Bewegungen
- breit(er) stehen
- Hände versteifen, Arme anspannen
- knapp antworten und monotoner sprechen
- Beim schnellen Treppensteigen jede zweite Stufe nehmen
- die Nase mit dem Handrücken abwischen
- mind. 1x am Tag auf den Boden spucken
- jede Größe, die unter 1,75m liegt, mit mehr Performance zu kompensieren
(unvollständige Liste)
Was es mich kostet, ein Mann zu sein:
- spaßige Kleidung die mir gefällt
- Locken embracen
- Selbstausdruck durch Prints, Schmuck, Buttons
- anderen gegenüber freundlich sein
- bewusstes Platz einnehmen und teilen
- signalisieren können, dass ich keine Gefahr bin
- meinem Körper die Bewegungen geben, die er braucht
- kreative Sprache und Humor
- authentisch Ich (und bissi weird) sein
- die Vorzüge von unter 1,60m sein genießen (zB shoppen in der Kinderabteilung 🔥)
- Manieren??
(unvollständige Liste)
Ich finde jeden Tag neu die Balance zwischen Authentizität und Sicherheit. Zwischen kreativer Kleidung und der simplen Jacke, die ich zur Not überziehen kann. Zwischen feministischer Männlichkeit und Angst vor queerfeindlichen Angriffen und Doxing. Den Raum nicht überlassen und danach noch weiter zu existieren. Dass ich generell, wenn auch mit wirklich viel Aufwand und nicht für immer, die Möglichkeit habe, in der Norm mehr der weniger zu verschwinden, ist trotzdem ein riesiges Privileg. Viele meiner trans-Geschwister haben das nicht. Viele aus der LGBTIQA*-Community haben das nicht. Viele BIPoCs haben das nicht. Viele be_hinderte Menschen haben das nicht. Die Liste lässt sich weiterführen.
Was kostet es, ein Mann zu sein?
Ich achte auf dich. Du achtest auf mich. Lasst uns aufeinander aufpassen, ja?
Ein Test-Kommentar, weil es der erste Blog-Beitrag hier ist 🙂